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Posted on Apr 09, 2012 by webmaster  | Tags: Bringfried, Pösger, Friedenau, Philosophie, Künstler

Alter und Reife Alt werden wollen die meisten Menschen. Alt sein kaum jemand. Und altern schon gar nicht. Man will es nicht und kann es doch nicht vermeiden. Mit innerem Widerstand wird man es schließlich erleiden. Nur Kinder möchten älter werden. Doch um die 20 ist es schon vorbei. Von da an beginnen die Jahre wegzurennen. Der „Kampf gegen die Zeit“ hat meist sehr früh begonnen.

Aber Zeit gehört zum Leben. Altern gehört zum Leben. Kämpfend gegen Alter und Zeit kämpft man gegen das Leben.

Doch was ist schön am Altern? Individuell steht Alter für Schwäche und Todesnähe. Gesellschaftlich gilt es als unproduktive Lebensphase. Rentner bedeuten für die Solidargemeinschaft Krankheit, Siechtum, Kosten. Dabei sind sie als finanzstarke Konsumentengruppe durchaus anerkannt. Und als Konsumenten möchten sich auch die Alten heutzutage selbst am liebsten sehen: „Ich bin alt.“ = „Ich brauch nichts mehr“. Gilt nicht mehr.

 

Das Ende der eigenen Berufstätigkeit wird subjektiv meist als positiv empfunden: Endlich raus aus dem Arbeitsstress! Endlich tun, was man die ganze Zeit nicht konnte. Das Rentenalter verspricht die Chance, unerfüllte Jugendträume nachzuholen. Angesichts zunehmender Lebenserwartung werden immer mehr Lebenspläne aufs Alter verschoben: Nun kann das Leben noch einmal beginnen. „Jetzt bin ich frei, das zu tun, was ich schon immer wollte.“ Reisen, genießen, konsumieren. Wenn nur die Gesundheit mitspielt! So versucht man, sich jung zu halten. Möglichst lange körperliche Fitness wird zum Altersziel. Aktiv sein im Alter mit Sport und Sex, auf Bildungsreisen die Welt erkunden und weißhaarig im Hörsaal sitzen.

 

Die Alten wollen das, was die Jungen können und messen sich selbst daran. Doch ist das der Sinn des Lebens? Der verzweifelte Kampf gegen das, was unaufhaltsam ist? Selbst wenn man mit 45 noch erfolgreich boxen, frau mit 55 Mutter werden und mit 75 Tennis noch spielen kann. Kommt es im Sinne eines reichen Menschenlebens darauf an? Bewusst leben heißt, das Altern bejahen. Weniger auf die Blüten als viel mehr auf die Früchte kommt es an. Wer ewig jung bleiben will, wirkt am Ende lächerlich. Er wird welken, ohne dass er reifen und die Frucht sich bilden kann.

Wie alle Lebewesen haben wir weiterzugeben, was wir bekommen haben – angereichert durch eigene Erfahrungen und die eigene Lebenskraft. Und da dies bei uns Menschen maßgeblich auf geistiger Ebene geschieht, ist menschliche Reifung ein geistiger Prozess, der jedoch eine Entscheidung braucht. Denn während wir körperlich ohne bewusstes Zutun erwachsen werden und auch seelisch von Natur aus wachsen, kommt der Reifeprozess auf geistiger Ebene ohne klares eigenes Engagement nicht aus.

Menschliche Reife ist in diesem Sinne nicht gleichbedeutend mit Alter. Sie hat auch nichts mit eigener Unterwerfung unter alte Traditionen zu tun. Wahre menschliche Reife setzt auch gar nicht so viel Bildung und erlesenes Wissen als viel mehr die freie eigene Entfaltung und ein mutiges Leben voraus. Denn nur auf diese Weise lassen sich Erfahrungen sammeln, die man bereichernd weitergeben kann. Ja zum Altern! Nach innen spüren, ehrlich sein. Sich nicht an die eigene Jugend, nicht einmal bedingungslos an die eigene Gesundheit, nicht ans eigene Leben klammern. Nicht zum Selbstzweck sammeln und endlos haben wollen, sondern darauf schauen, dass man Positives schenken kann. Im großen Fluss des Lebens schwimmen, heißt unterstützend sein. Es ist die Spur, die wir hinterlassen, die von uns weiterlebt. Wie schön, wenn man damit ein gutes Vorbild gibt. Dass dazu auch eine zuversichtliche Weltsicht gehört, versteht sich von selbst. Junge Menschen möchten sich von den Alten ermuntern und stärken, nicht aber herunterziehen lassen.

Ein reicher Schatz an positiver Lebensenergie ist daher die schönste Frucht des eigenen Lebens, durch die man auch und gerade im Alter echte Wertschätzung ernten kann, die sich auch darin zeigt, dass man nicht alleine bleibt. Somit ist es ein riesengroßer Wert für das eigene Leben, wenn man das Altern rechtzeitig als Chance nutzt, um als alter Mensch durch eigene Reife begeistern zu können: „So möchte ich später auch mal sein“, bedeutet Eingebundenheit. Mit einem frühen Ja zum eigenen Altern und zu eigener Reife fängt dieser späte eigene innere Reichtum an.

Bringfried-Johannes Pösger, Jg. 1949 / Künstler und Philosoph
betreibt das Lebenskunstatelier in der Friedenauer Stubenrauchstr. 4
- Naturkonzeptkunst / Philosophie als kreativer Prozess -
„Positive Visionen zu entwickeln braucht viel mehr Kreativität als negative Szenarien hochzurechnen.“  

Top Foto: "Herbst": Bringfried-Johannes Pösger 
Web: www.friedenauer-impulse.de