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Posted on Apr 01, 2012 by webmaster  | Tags: Schöneberg, Wilmersdorf, Friedenau,

Schöneberg, Wilmersdorf oder Friedenau?
von Evelyn Weissberg und Hermann Ebling
1871 als kleine Landgemeinde vor den Toren Berlins gegründet, ist Friedenau heute ein Ortsteil des lebhaften und vielseitigen Bezirks Tempelhof-Schöneberg inmitten der großen Metropole.
Immer wieder stellt sich die Frage, was denn nun alles “wirklich zu Friedenau dazugehört”, und ganz besonders, ob denn auch das “Malerviertel”, oder wie ich es lieber bezeichne, der “Dürerkiez” auch dazu zählt.

“Das bis 1890 noch unbebaute Gelände, „Hinter der Wannseebahn“ genannt, lag jenseits der Friedenauer Gemarkung und gehörte wie auch der Schöneberger Ortsteil Friedenaus mit dem Wannseebahnhof und den Straßen östlich der Fregestraße eigentlich zu Schöneberg, bildete aber mit Friedenau eine Interessengemeinschaft.
Eigentümer des Areals jenseits der Bahn war die Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft, die in jenen Jahren dort Straßen anlegte und den Boden für etwa 200 projektierte Wohnhäuser parzellierte. Schon im Oktober 1896 hatte sich die damalige Bevölkerung von Neu-Friedenau in einer Petition mit über einhundert Unterschriften an die Gemeindevertretung gewandt, doch endlich die längst beschlossene Überbrückung der Wannseebahn im Friedenauer Ortsteil zu realisieren. Die vom eigentlichen Friedenau abgeschnittenen Bewohner des neuen Ortsteils führten in ihrer Begründung nicht nur die langen Fußmärsche, die sie zum Einkaufen oder beispielsweise zur Post zu bewältigen hätten und die bei schlechtem Wetter unpassierbaren Wege an, sondern wiesen die Gemeindevertretung auch darauf hin, daß es bei etwaigen Feuersbrünsten oder Unfällen kaum eine Möglichkeit der schnellen Hilfe gäbe.

Doch erst 1900 konnte die Friedenauer Brücke dem Verkehr übergeben werden; der „Dornröschenschlaf“ der einst so ruhigen Saarstraße war nun endgültig vorbei. Die Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft warb für den „äußerst freundlichen und sehr gesund geltenden Stadtteil“, dieser sollte „großstädtischen Charakter“ haben, die Wohnungen, ausgestattet mit dem „Komfort der Neuzeit“ waren für höhere Beamte, Rentner und andere wohlhabende Leute gedacht. Die Bauherren, unter ihnen auch die Friedenauer Dräger, Stöckel, Klemme, Haustein und Rösler, errichteten dort auf dem vom Bahngelände, der Steglitzer Grenze und der Rubensstraße umschlossenen Dreieck, dessen Spitze an der Brücke liegt, bis zur Jahrhundertwende zirka 50 Wohnhäuser in den nach berühmten Malern und Bildhauern benannten Straßen.
(Leseprobe aus “Friedenau erzählt 1871 bis 1914”) von Evelyn Weissberg und Hermann Ebling
www.friedenauer-bruecke.de

 

 

Aber nicht nur heute, auch schon damals waren sich viele über die genauen Grenzen nicht ganz im Klaren, wie in einem Artikel aus dem Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger September 1929 nachzulesen ist:

Schöneberg, Wilmersdorf oder Friedenau?
Aus dem alten bescheidenen Berliner Westen, wenn man es rein räumlich nimmt, ist im Laufe der letzten vier bis fünf Jahrzehnte ein großstädtischer im verwegensten Sinne des Wortes geworden. Wo noch in den achtziger und neunziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts die Pflugschar ihre Spuren zog, rasen jetzt auf gepflasterten Straßen, zu beiden Seiten in endlosen Zügen vielstöckige Miets- und Geschäftshäuser, die modernsten Fahrzeuge der verschiedensten Art in sinnverwirrendem Spektakel nicht allein in den Tages-, sondern auch in den Nachtstunden.
Wer den ans Unwahrscheinliche grenzenden Wandel miterlebt hat und der heutigen jungen Generation davon ohne Übertreibungen erzählt, muß mit ungläubigen Gesichtern rechnen. Durch weite Felder getrennt, hatten Schöneberg und Wilmersdorf noch keine von den heutigen Berührungspunkten und zwischen Schöneberg und Friedenau, das erst im Entstehen begriffen war, klaffte auch noch eine ziemlich große Lücke.

Niemand konnte auch nur einen Augenblick im Zweifel sein, ob er sich als zu Schöneberg, oder Friedenau oder Wilmersdorf gehörig ansehen müßte. Aber das wurde anders, als die Entwicklung der westlichen Vororte sich mit einer Schnelligkeit vollzog, die vielfach an amerikanische Verhältnisse erinnerte. Aus Feldwegen wurden Straßen, die zum Teil auf Schöneberger und Friedenauer oder Schöneberger und Wilmersdorfer oder Friedenauer und Wilmersdorfer Gebiet lagen. Wo die Grenzen ineinander übergingen, waren die Bewohner sich nicht immer klar darüber, zu welchem Gemeinwesen sie gehörten.
Aus der Zeit vor der Eingemeindung der Vororte stammen diese Verszeilen:

Wer kann et mir verraten,

wer,
In welchen Ort ick rinjeheer?

Wer bringt mir deutlich den Vermerk,

Ob’s Wilmersdorf,ob’s Schöneberg?

Ick wohne nämlich in ’nem Haus,

Da kricht det keena richtig raus.

Die Stuben, die nach vorne jehn,

Uff Wilmerdorfer Boden stehn,

Un allens, wat nach hinten sieht,

Jehört zu Schönebergs Jebiet.

Ick wohne vorn und hinten raus,

In welchem Ort bin ick zu Haus?

(Artikel Leseprobe aus “Friedenau erzählt 1914 bis 1933”) von Evelyn Weissberg und Hermann Ebling | www.friedenauer-bruecke.de